Du bist nie allein im Raum
Shownotes
Diese Folge ist eine Einladung, dich selbst und andere nicht als Problem zu sehen – sondern als Teil eines lebendigen Systems, das sich bewegen darf.
Wenn du dich in festgefahrenen Mustern wiedererkennst oder verstehen möchtest, wie systemische Beratung Familien, Paare und Einzelne unterstützen kann, findest du auf meiner Webseite einen ersten Anlaufpunkt.
Hör rein. Lass den Gedanken Raum. Und bleib neugierig auf das, was sich verändern lässt.
Transkript anzeigen
00:00:06: Willkommen bei Neulich im Therapiekaffee, dem Podcast, in dem wir darüber sprechen, was nach und zwischen den Therapiesitzungen geschieht.
00:00:14: Ich bin Dr.
00:00:15: Kerstin Klappstein, systemische Familientherapeuten und Traumotherapeuten und habe meine Praxis in Hamburg und berate auch online.
00:00:24: In meinem Podcast erzählen Menschen von ihren Erfahrungen auf dem Weg durch die Therapie, von Aha-Momenten, Veränderungen, Stolpersteinen und neuen Blickwinkeln.
00:00:34: Es geht hier nicht um Therapie im fachlichen Sinn, sondern um Geschichten, die Menschen erleben.
00:00:41: Also lehne dich zurück, schnapp dir einen Kaffee und komm mit in ein Gespräch voller Mut, Echtheit und Hoffnung.
00:00:49: Heute bin ich ganz alleine in meinem Therapiekaffee und habe mir überlegt, dass ich diese Zeiten, in denen hier noch keiner ist, hin und wieder dazu nutzen möchte.
00:01:01: Themen aufzugreifen, die zwar in den Interviews angesprochen wurden, aber im Gespräch nicht vertieft werden konnten.
00:01:09: Nach jedem Gespräch, das ich bisher geführt habe, habe ich gedacht, Mensch, auf diese Frage oder jenes Thema hätte man noch näher eingehen können.
00:01:17: Aber erstens fällt mir das immer erst hinterher auf.
00:01:20: Und zweitens finde ich, dass so ein theoretischer ... Ein Schub oder so, auch irgendwie den normalen Gesprächsverlauf unterbrechen würde.
00:01:31: Und deswegen habe ich mir gedacht, ich greife heute mal das Interview mit Geser auf und ich möchte gerne darauf eingehen, was eigentlich das Besondere an systemischer Therapie ist.
00:01:45: Und warum es gar nicht so ungewöhnlich ist, dass Familien in unterschiedlichen Konstellationen und auch über einen langen Zeitraum und mit ganz unterschiedlichen Problemen und Fragen in eine systemische Beratung oder Therapie gehen.
00:02:01: Vielleicht kennst du das.
00:02:02: Du steckst so in einer Situation fest und hast das Gefühl, dich immer wieder um dieselben Themen zu drehen.
00:02:10: Also egal, wie sehr du dich bemüßt, etwas zu verändern.
00:02:15: Manches scheint sich aber trotzdem immer einfach zu wiederholen.
00:02:19: Und irgendwann kommt dann ja bei uns allen wahrscheinlich oder bei vielen die Frage auf, warum ist das so?
00:02:25: Also warum wiederhole ich immer die gleichen Abläufe, die gleichen Verhaltensmuster?
00:02:32: Genau hier setzt systemisches Arbeiten an.
00:02:35: Also nicht... mit der Suche nach Fehlern oder Schuld, sondern mit einer neugierigen, wertschätzenden Haltung.
00:02:44: Du wirst nicht isoliert betrachtet, sondern immer im Zusammenhang mit den Beziehungen, Systemen und Erfahrungen, in denen du lebst.
00:02:52: Also ich sage zum Beispiel immer, wenn ich das erklären muss, sage ich immer, auch wenn sie alleine kommen, ist ihre Familie immer mit hier im Raum und ihre Beziehungen, in denen sie gerade so leben.
00:03:03: Weil ich mittlerweile gar nicht mehr anders denken kann.
00:03:06: Denn dein Erleben und Handeln entsteht ja immer in Wechselwirkung mit anderen.
00:03:14: Ich würde jetzt gerne auf so ein paar Prinzipien eingehen.
00:03:18: Also das eine zentrale Prinzip ist die Alparteiligkeit.
00:03:23: Das bedeutet, dass alle Beteiligten und ihre Sichtweisen Raum bekommen.
00:03:30: Also keine Perspektive.
00:03:31: ist dabei richtig richtiger oder falscher oder so.
00:03:36: Jeder Jeder hat ihre eigene Logik und ihren guten Grund.
00:03:41: Also stellt euch mal vor, eine Familie mit vier Kindern und eines der Kinder fährt besonders auf.
00:03:48: Also mit wahnsinnig viel Wut und Aggression und großer Verzweiflung.
00:03:53: Und es kommt oft zu heftigen Ausbrüchen, womöglich auch Ausbrüche, in denen es zu Gewalt zwischen den Kind und der Eltern, den Eltern kommt oder so.
00:04:03: Die Eltern sind wahnsinnig erschöpft und wissen gar nicht mehr, wie sie reagieren sollen.
00:04:08: Das Kind wird dann schnell zum sogenannten Symptomträger, also zu demjenigen, an dem sichtbar wird, dass im System irgendetwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.
00:04:19: Systemisch betrachtet geht es nun nicht darum, dieses Kind zu reparieren.
00:04:24: Das finde ich immer ganz schrecklich, wenn ich das Gefühl habe, es geht darum, ein Kind zu reparieren, sondern es geht darum, den Blick zu weiten und danach zu fragen, was ist eigentlich der gute Grund?
00:04:37: Da würde man jetzt bei Aggressionen und vor allem, wenn es richtig handgreiflich wird, würde man ja immer sagen, Was ist der gute Grund?
00:04:45: Da gibt es keinen guten Grund, das ist einfach schlechtes Verhalten.
00:04:48: Aber jedes Verhalten verfolgt in der Regel eine gute Absicht.
00:04:56: Also so könnte man sagen, dass die oft Absicht gut ist, aber der Weg ist verkehrt.
00:05:02: Also warum muss ein Kind um sich schlagen?
00:05:05: Was ist die Not dahinter?
00:05:08: Also versuchen wir nach dem Grund, worum es eigentlich geht.
00:05:12: Und darüber hinaus schauen wir natürlich auch, wie geht es den einzelnen Familienmitgliedern mit der Familie?
00:05:18: Also wie geht es den Eltern?
00:05:20: Welche Belastung tragen sie?
00:05:22: Welche Dynamik zeigt sich auch zwischen den Geschwisterkindern?
00:05:27: Das, was auf jeden Fall klar ist, dass die Verzweiflung nicht bei dem einen Kind bleibt, sondern sie breitet sich im gesamten Familiensystem aus.
00:05:36: Allparteiligkeit bedeutet hier sowohl das betroffene Kind als auch die Eltern und Geschwister in all den Facetten menschlichen Fühlen und Handelns ernst zu nehmen.
00:05:47: Damit verbunden ist dann ein Perspektivwechsel.
00:05:51: Also du wirst eingeladen, Verhalten nicht vorschnell zu bewerten, sondern zu fragen, wofür könnte dieses Verhalten ein Ausdruck oder sogar ein Lösungsversuch sein?
00:06:02: Oft verändert sich schon durch diesen Blick etwas im Umgang miteinander.
00:06:07: Also einmal die Brille des anderen aufsetzen und sehen, was der andere sieht.
00:06:13: Dann fühle ich oft auch, was die andere fühlt.
00:06:19: Also systemisches Arbeiten ist dabei auch klar lösungsorientiert.
00:06:24: Also der Fokus liegt weniger auf dem Problem selbst.
00:06:28: Natürlich schauen wir dahin und es wird von allen Seiten angeguckt und so.
00:06:32: Aber es geht darum, auf die Ressourcen zu schauen und zu bemerken, okay, wo sind denn die Ausnahmen?
00:06:39: Gibt es auch Verhalten oder gibt es Situation, in denen das Verhalten, was so schwer ist, nicht auftritt?
00:06:46: Und dann in kleinen und machbaren Schritten zu überlegen, okay, wie kann die Familie wieder einen Schritt aufeinander zugehen?
00:06:55: Wie können die zueinander finden?
00:06:58: Wo können sich Dinge verändern?
00:06:59: Wo muss vielleicht auch nochmal der Mut gefunden werden, etwas anzusprechen?
00:07:05: In den Familien kann das alles Mögliche bedeuten.
00:07:09: Also Familien dabei zu begleiten, Schätze zu heben und Lösungen zu erfinden, auf die ich manchmal im Leben nicht gekommen wäre, ist ein sehr kraftvoller Prozess.
00:07:19: Ich gebe dann Hinweise und manchmal mache ich auch Vorschläge, aber ich finde das immer total toll, wenn die dann wiederkommen und sagen, wir haben überhaupt nicht getan, was sie gesagt haben, wir haben das alles ganz anders gemacht.
00:07:30: Das finde ich super.
00:07:31: Da ist der Prozess, da ist das, was die Familie gemeinsam in die Hand nimmt.
00:07:38: Ein weiteres Beispiel zeigt, dass systemisches Arbeiten nicht nur im Hier und Jetzt wirkt, sondern auch generationsübergreifend.
00:07:46: Also zum Beispiel, wenn eine erwachsene Tochter Mit dem Wunsch kommt etwas mit ihrer Mutter zu klären.
00:07:54: Das passiert verhältnismäßig oft.
00:07:56: Das finde ich immer ganz großartig, wenn erwachsene Kinder sich überlegen.
00:08:01: Ich möchte gerne noch mal etwas mit meinen Eltern klären.
00:08:03: Ich will das nicht so lassen.
00:08:06: Und wenn wir jetzt mal bei so einer erwachsenen Tochter bleiben, die erlebt hat, dass in ihrer Kindheit die Mutter emotional kaum erreichbar war und dass das bis heute nachwirkt.
00:08:18: Im systemischen Prozess wird dann mit Hilfe eines Kynogramms, das ist eine grafische Darstellung der Familiengeschichte, gezeigt, dass vielleicht auch die Mutter in einem Kontext aufgewachsen ist und nicht viel leicht, sondern sie ist in einem Kontext aufgewachsen, in dem eventuell emotionale Nähe auch wenig Raum hatte.
00:08:42: Und dieses Wissen entschuldigt nicht alles, aber es bringt Verständnis.
00:08:46: Verständnis für Zusammenhänge, für Prägung und für das, was weitergegeben wurde, ganz oft natürlich total unbewusst.
00:08:55: Durch die Betrachtung der Genogramme kann ich mit den Familien ganz oft erarbeiten, wo sind eigentlich Verhaltensmuster, die sich über die Generationen hinweg wiederholen?
00:09:08: Manche Sachen sind total toll und dann ist das irgendwie wie ein wertvolles Familienerbe.
00:09:13: Aber gerade diese Schädigenden, die Verhaltensmuster, die wehtun und Glaubenssätze, die sich wiederholen und die einfach die Leichtigkeit nehmen, die zu betrachten und zu überlegen, okay, wie können wir die durchbrechen?
00:09:34: Also, was können die Familien tun, um diese Dinge zu durchbrechen?
00:09:39: Hier zeigt sich auch eine traumasensible und zugleich bindungsorientierte Haltung.
00:09:45: Das ist mir sehr wichtig.
00:09:47: Es geht nicht darum, alte Wunden aufzureißen oder Schuld zu verteilen, sondern um Sicherheit, um Würdigung und das Anerkennen von Grenzen.
00:09:56: Und gerade nochmal darauf zu schauen, auch die Wunden, die da sind, da nochmal drauf zu schauen und auch diese zu würdigen.
00:10:05: Also die Tochter darf ihre Gefühle total ernst nehmen und gleichzeitig entsteht Raum für ein neues differenzierteres Bild der Mutter.
00:10:14: Und Mutter und Tochter können so miteinander ins Gespräch kommen.
00:10:19: Veränderung geschieht also immerhin dabei in Beziehung.
00:10:23: Eine verlässliche, wertschätzende Verbindung im systemischen Setting ermöglicht ganz neue Erfahrungen.
00:10:30: Also sowas wie gesehen werden, Zusammenhänge verstehen oder auch neue innere Positionen finden.
00:10:38: Am Ende lehe systemisches Arbeiten dich dazu ein, dich selbst und andere nicht als Problem zu sehen, sondern als Teil eines lebendigen Systems.
00:10:49: Und es geht darum, Muster zu erkennen, Ressourcen zu stärken und neue Wege zu entdecken.
00:10:54: Wege, die sich für dich und für deine Familie stimmig, achtsam und machbar anfühlen.
00:11:02: So, das war jetzt erstmal ein kleiner thematischer Einschub.
00:11:05: In dem nächsten Interview, zu dem ich dich einleiten möchte, ist eine Frau zu Besuch, die uns in die schweren Zeiten ihres Lebens mitnimmt und dabei ihre Kreativität zur Bewältigung nutzt.
00:11:20: Ein Interview, das das Leben feiert.
00:11:22: Ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.
00:11:25: Das war eine weitere Folge von Neulich im Therapiekafé.
00:11:28: Geschichten über das Wachsen, Zweifeln und Wiederfinden.
00:11:32: Hat dich das Gespräch berührt?
00:11:34: Erinnert dich das ein oder andere an dein eigenes Leben?
00:11:38: Ich bin Dr.
00:11:39: Kerstin Klappstein und wenn du Unterstützung suchst, schau gerne in meine Online-Praxis vorbei.
00:11:44: Den Link findest du in den Show-Notes.
00:11:47: Schön, dass du dabei warst.
00:11:48: Bis zum nächsten Mal im Therapiekafé.
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